19 December 2025, 15:41

Der ungehinderte Mord

Ein Nachrichtenartikel mit Bildern von brennenden Gebäuden und aufsteigendem Rauch neben Text.

Der ungehinderte Mord

Der ungehinderte Mord

Vor 45 Jahren wurden ein Rabbiner und seine Lebensgefährtin ermordet. Welche Rolle spielten der Verfassungsschutz und die palästinensische PLO dabei?

  1. Dezember 2025, 23:12 Uhr

Vor 45 Jahren wurden ein Rabbiner und seine Partnerin in Erlangen bei einem bis heute unaufgeklärten Verbrechen erschossen. Shlomo Lewin und Frida Poeschke wurden in ihrer Wohnung ermordet, doch entscheidende Spuren blieben jahrzehntelang unbeachtet. Kürzlich freigegebene Akten zeigen nun, dass Geheimdienste frühzeitig Warnungen erhielten – Warnungen, die nie rechtzeitig verfolgt wurden.

Am 19. Dezember 1979 wurden Rabbiner Shlomo Lewin und seine Lebensgefährtin Frida Poeschke tot in ihrer Erlanger Wohnung aufgefunden. Beide waren aus nächster Nähe erschossen worden. Die Ermittler sicherten am Tatort einen selbstgebastelten Schalldämpfer und eine auffällige Sonnenbrille.

Die Opfer waren bekannte Kritiker des rechtsextremen Milieus. Lewin hatte 1977 gegen den umstrittenen „Auschwitz-Kongress“ von Karl-Heinz Hoffmann protestiert und war später in Hoffmanns WSG-Magazin diffamiert worden. Hoffmann, ein bekannter Extremist, lebte mit seiner Partnerin Franziska Birkmann zusammen – und genau diese Sonnenbrille wurde am Tatort gefunden.

1980 durchsuchte die Polizei Hoffmanns Schloss und entdeckte dort ein italienisches Magazin, das sowohl Hoffmann als auch Lewin porträtierte. Doch die Ermittler konzentrierten sich zunächst auf das Privatleben der Opfer statt auf politische Motive. Dadurch verzögerte sich die Befragung von Hoffmann und Birkmann um Monate.

Erst 2023 freigegebene Akten des Verfassungsschutzes belegen, dass die Behörde sechs Tage vor den Morden einen Hinweis erhalten hatte: Ein Informant berichtete, Hoffmann, Birkmann und einen Komplizen mit Metallrohren gesehen zu haben – mögliche Waffenbauteile. Der Dienst unternahm nichts. Ähnliche Erkenntnisse der PLO zur Oktoberfest-Bombe 1980 wurden ebenfalls als unglaubwürdig abgetan.

1986 standen Hoffmann und Birkmann schließlich vor Gericht, wurden aber freigesprochen. Das Gericht akzeptierte Hoffmanns Alibi ohne Nachprüfung, und der Fall wurde zu den Akten gelegt. Seit Jahrzehnten fordert die „Erlanger Initiative für kritische Erinnerung“ eine Neuaufnahme des Verfahrens und wirft den Behörden vor, zentrale Beweise ignoriert zu haben.

Die Akten bleiben offiziell ungelöst. Doch die versäumte Reaktion auf die Geheimdiensthinweise wirft bis heute Fragen auf. Die Sonnenbrille, das Magazin, der Informantentipp – nichts davon wurde damals konsequent verfolgt. Ohne neue Beweise oder Zeugen könnte der Mord an Lewin und Poeschke nie juristisch aufgeklärt werden.