Jahre der Bahn-Chaos: Warum Deutschlands Schienennetz jetzt stillsteht
Hannah BöhmJahre der Bahn-Chaos: Warum Deutschlands Schienennetz jetzt stillsteht
Deutschlands Schienennetz steht vor Jahren massiver Einschränkungen, während es eine längst überfällige Modernisierung durchläuft. Wichtige Strecken zwischen Österreich und Süddeutschland werden monatelang gesperrt, was teure Umleitungen erzwingt und die Geduld von Fahrgästen und Güterverkehrsunternehmen auf die Probe stellt. Die Sanierung, die ein Jahrzehnt dauern soll, erfolgt zu einer Zeit, in der sowohl die Deutsche Bahn als auch die ÖBB mit finanziellen Belastungen und sich wandelnden Verkehrstrends kämpfen.
Ab Februar 2023 wird die entscheidende Güterverkehrsachse zwischen Passau, Regensburg und Nürnberg für ein ganzes Jahr komplett stillgelegt. Diese Sperrung folgt auf einen separaten sechsmonatigen Stillstand der stark frequentierten Personenverkehrsstrecke von Freilassing bei Salzburg nach Rosenheim und München. Beide Verbindungen sind für den österreichisch-deutschen Verkehr von zentraler Bedeutung, und ihre Schließung wird die ÖBB zwingen, Züge umzuleiten – mit Kosten in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro.
Die finanzielle Belastung trifft die ÖBB in einer Phase, in der das Unternehmen bereits über 3 Milliarden Euro jährlich in die eigene Infrastruktur investiert – ein deutliches Zeichen für den politischen Willen zum Ausbau der Schiene. Dennoch verliert der Güterverkehr, der sich noch von jahrelangen Verlusten erholt, weiterhin Marktanteile an den Straßenverkehr – trotz Klimazielen, die eine Rückkehr zur Schiene fordern. Die Güterverkehrssparte der ÖBB, Rail Cargo, könnte erst 2027 wieder einen bescheidenen Gewinn erwirtschaften, und auch nur, wenn der Restrukturierungsplan „Phoenix“ erfolgreich umgesetzt wird.
Trotz der Herausforderungen gibt es auch Lichtblicke. Die neu eröffnete Koralmbahn, inklusive ihres 33 Kilometer langen Tunnels, befördert mittlerweile rund 7.000 Fahrgäste täglich und hat die regionale Wirtschaft belebt, indem sie neue Unternehmen in die Region lockt. ÖBB-Chef Andreas Matthä appellierte an die Widerstandsfähigkeit der Beteiligten und rief dazu auf, „die Zähne zusammenzubeißen und diese schwierige Phase durchzustehen“. Die Ticketpreise der ÖBB werden vorerst nur im Rahmen der allgemeinen Inflation steigen, um Reisende nicht zusätzlich zu belasten. Unterdessen hat Evelyn Palla, die neue Chefin der Deutschen Bahn, im Oktober 2025 ihr Amt angetreten – wie genau sie mit Matthä zusammenarbeiten wird, bleibt jedoch noch unklar.
Die Modernisierung des deutschen Schienennetzes wird sich über ein ganzes Jahrzehnt erstrecken und bringt für Verkehrsunternehmen wie Fahrgäste gleichermaßen sofortige Belastungen mit sich. Die ÖBB muss hohe Kosten für Umleitungen stemmen, während Güterverkehrsunternehmen darum ringen, verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Das langfristige Ziel bleibt ein effizienteres, klimafreundlicheres Schienensystem – doch der Weg dorthin wird steinig.